Jürgen Münch: Stichworte zum Bildungsverständnis bei Wolfgang Klafki (2019)

WOLFGANG KLAFKI, (1927-2016). Erziehungswissenschaftler. 1963 bis zur Emeretierung 1992 Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft an der Philipps Universität Marburg. W. Klafki hatte mit über 400 Veröffentlichungen, mehr als 70 Doktoranden, darunter viele spätere Lehrstuhlinhaber*innen, beratenden Tätigkeiten in bildungspolitischen Gremien großen Einfluss auf die Entwicklung der bundesdeutschen Lehrerbildung und Erziehungswissenschaft, nicht zuletzt auf die Bildungsreformdebatte zu Beginn der 1970er Jahre. U.a. 1968 Mitbegründer des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi).  Näheres Online unter URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Klafki

)Der vorstehend (in den Texten 2 und 3) skizzierte normative Hintergrund (UN-Menschenrechte 1948, UN- Convention on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD) 2006 bzw. Behindertenrechtskonvention BRK 2009; Kultusministerkonferenz 2018) korrespondiert mit einem erziehungswissenschaftlichen Verständnis von Bildung, das Wolfgang Klafki in seiner Bildungstheorie bzw. kritisch-konstruktiven Didaktik dargelegt hat und das hier als theoretischer Bezugsrahmen und Begründungskontext für Kritik und Argumentation gewählt und herangezogen wird. Auch andere theoretisch begründete Zugänge stehen in Korrespondenz zu dem beschrieben normativen Hintergrund. Allerdings kommt dem Ansatz von Klafki sowohl eine argumentative Tiefe der (geistes-) wissenschaftlich-philosophischen Diskussion als auch eine hohe Anschlussfähigkeit an die Ergebnisse der aktuellen pädagogisch-psychologischen Lehr-/Lernforschung und der sozialwissenschaftlichen Bildungsforschung zu, die herausragend ist (vgl. hierzu B. Koch-Priewe, F. Stübing und K.-H. Arnold. Das Potenzial der Allgemeinen Didaktik. Stellungnahmen aus der Perspektive der Bildungstheorie von Wolfgang Klafki. Weinheim Basel 2007).

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ZEITGEMÄßE ALLGEMEINBILDUNG UND KRITISCH-KONSTRUKTIVE DIDAKTIK. Nachstehend STICHWORTE zu diesem zentralen Text von Wolfgang Klafki , in dem er sein Bildungsverständnis erläutert (vgl. W.Klafki. Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik (Zweite Studie). 5. Aufl., Weinheim: Beltz 1996, S. 43-81.

(1) „BILDUNGSFRAGEN SIND MACHTFRAGEN!“ formuliert Klafki in Anlehnung an Heydorn. „Es ist das Ziel aller Bildung, Macht (bzw. Herrschaft; W. KI.) aufzuheben, den freigewordenen Menschen an ihre Stelle zu setzen“ (Heydorn 1979, S. 336), oder – in einer Formulierung, die die Dialektik des Problems prägnant bezeichnet: ,,Bildungsfragen  sind Machtfragen; die Frage der Bildung ist die Frage nach der Liquidation der Macht … (ebd., S. 337).“ – Bildungsfragen werden von Klafki ausdrücklich als Gesellschaftsfragen gesehen, wobei dies sowohl die bewusste Kenntnisnahme, Analyse und Bewertung als auch die Mitgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse einschließt.

(2) ÜBERGREIFENDE BILDUNGSZIELE im gesellschaftlich-politischen Kontext: Fähigkeit zu SELBSTBESTIMMUNG, MITBESTIMMUNG, SOLIDARITÄT. Ausgehend von „Bildung“ als zentraler wissenschaftlicher und pädagogischer Kategorie hat Klafki als übergreifende Bildungsziele die zusammenhängenden Fähigkeiten zu „Selbstbestimmung“, „Mitbestimmung“ und „Solidarität“ formuliert. Die Korrespondenz zu Zielen der Aufklärung und der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit – ist vermutlich nicht zufällig. Begriffe wie Autonomie, Partizipation, Empathie als aktueller Versuch der Paraphrasierung sind – insbesondere im Kontext des Kompetenzbegriffes – ihrer politischen Dimension beraubt, sind von deutlich kleinerer Münze.

(3) BILDUNG wird von Klafki ALS ALLGEMEINBILDUNG in dreifacher Hinsicht verstanden:

– Bildung muss zum einen Bildung für alle sein, zu der alle gleichberechtigten Zugang haben und die keine Ausgrenzung zulässt.

– Sie muss zum anderen Bildung im Medium des Allgemeinen sein, d.h. es geht um die Auseinandersetzung mit und Aneignung von Frage- und Aufgabenstellungen, die alle Menschen betreffen und angehen und vor einem globalen bzw. globalisierten Welt-Horizont zu sehen sind.

– Zum dritten muss Bildung alle Dimensionen menschlicher Tätigkeit, Fähigkeiten und Interessen wie emotionales, kognitives und soziales Erleben, handwerkliches, hauswirtschaftliches, technisches und ästhetisches Gestalten, ethisches und politisches Handeln berücksichtigen und darf sich nicht auf die Ausbildung kognitiver Leistungen, geschweige denn affirmativer Wissensreproduktion reduzieren.

(4) BILDUNG ALS KATEGORIALE BILDUNG: Von zentraler Bedeutung ist bei Klafki die Unterscheidung in „Materiale“ und „Formale Bildung“ und ihre dialektische Aufhebung bzw. Zusammenführung als „Kategoriale Bildung“.

Hierzu ist ergänzend auf die nachstehend angegebenen Texte von Klafki zurückzugreifen. „ … das deutsche Bildungswesen … (ist) in Gefahr, das geistige Leben durch die Fülle des Stoffes zu ersticken…. Arbeiten–Können ist mehr als Vielwisserei. Ursprüngliche Phänomene der geistigen Welt können am Beispiel eines einzelnen, vom Schüler wirklich erfassten Gegenstandes sichtbar gemacht werden, aber sie werden verdeckt durch eine Anhäufung von bloßem Stoff, der nicht eigentlich verstanden ist und darum bald vergessen wird’“ (Das pädagogische Problem des Elementaren und die Theorie der kategorialen Bildung. 3./4. Aufl. 1964, S.2)

Verkürzt beschrieben: „Materiale Bildung“ bezieht sich auf die Bildungsinhalte, während „Formale Bildung“ auf instrumentelle, operationale Fähigkeiten, wie bspw. Methodenkenntnisse abhebt. Beides ist für Klafki nicht isoliert und unabhängig voneinander zu sehen oder zu „lehren“. Beide Aspekte interagieren im Prozess einer aktiven –  für den sich bildenden Menschen persönlich bedeutungsvollen – „doppelseitigen Erschließung“ als „Kategoriale Bildung“. „Diese doppelseitige Erschließung geschieht als Sichtbarwerden von allgemeinen, kategorial erhellenden Inhalten auf der objektiven Seite und als Aufgehen allgemeiner Einsichten, Erlebnisse, Erfahrungen auf der Seite des Subjekts …“ (Kategoriale Bildung. Zeitschrift für Pädagogik 1959 (4) 386-412, zit. n. Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zweite Studie 1974, 43). Die vom lernenden, sich bildenden Menschen subjektiv als bedeutungsvoll erfahrene Einsicht, der für die eigene Person als bedeutsam erlebte Gegenstand, die als für das eigene Leben als sinnhaft wahrgenommene („verstandene“) Thematik oder Tätigkeit bilden den Fokus der (Kategorialen) Bildung.  Bildung in diesem Sinne umfasst die integrierte Gesamtheit des Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns eines Menschen.

Ein solches Bildungsverständnis impliziert Kritik und Absage sowohl an eine nur auf Wissen und Können ausgerichtete „Schulung“ bzw. Ausbildung als auch an ein lediglich formales – und seiner politischen Dimension beraubtes – Kompetenztraining (bspw. 21st Century Skills: Kritisches Denken/Problemlösen, Kommunikation, Kooperation, Kreativität etc.), dessen Kategorien durch Befragungen in Wirtschaftsunternehmen generiert werden. Im Gegensatz zu solchen Verkürzungen bedarf die Auswahl der kategorialen Bildungsinhalte der argumentativen Legitimation bezogen auf den normativen Hintergrund von Menschenrechten und demokratisch begründeten Rechten und sollen den übergreifenden Bildungszielen sowie den drei Kriterien von Allgemeinbildung entsprechen.  Klafki schlägt vor, die ausgewählten Themen/Inhalte, die er auch als epochale Schlüsselprobleme bezeichnet, zum Zentrum des Unterrichts zu machen.

(5) DIDAKTISCH-METHODISCHE PERSPEKTIVEN VON BILDUNG: Klafkis Bildungskonzeption zielt auf einen Unterricht, der an epochalen Schlüsselproblemen und demokratischen Kommunikations – und Verkehrsformen orientiert ist. Zu den epochaltypischen Schüsselproblemen zählt Klafki u.a. neben Fragen der Ökologie, der Genderverhältnisse, der Informationstechnologie auch die „gesellschaftlich produzierte Ungleichheit“. Dies ist eine Auflistung (aus dem Jahre 1996!), die an Aktualität nichts verloren hat.

Der Unterricht soll exemplarisch, methoden- und handlungsorientiert und auf Kooperation ausgerichtet sein. Als Ziele, die in einem solchen Unterricht angestrebt werden sollen, benennt Klafki Kritikbereitschaft und -fähigkeit, Argumentationsbereitschaft und -fähigkeit, Empathiebereitschaft und -fähigkeit sowie Vernetztes Denken.

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