{"id":1079,"date":"2020-10-01T14:23:04","date_gmt":"2020-10-01T14:23:04","guid":{"rendered":"http:\/\/attac-bildung-erziehung.de\/?page_id=1079"},"modified":"2025-03-30T09:14:03","modified_gmt":"2025-03-30T09:14:03","slug":"digitalisierung-first-denken-second","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/attac-bildung-erziehung.de\/?page_id=1079","title":{"rendered":"(1) Digitalisierung first &#8211; Denken second? Positionspapier"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>DIGITALISIERUNG FIRST \u2013 DENKEN SECOND?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZU POLITIK, \u00d6KONOMIE UND ZIELEN DER DIGITALISIERUNG IM BILDUNGSWESENS <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Etwa seit 2015\nwird die technologische und ideologische Ausrichtung und Aufr\u00fcstung des\nBildungswesens auf eine durchgehende Digitalisierung auch in Deutschland\nforciert vorangetrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz 2019 hat der Bundesrat dem \u201eDigitalpakt # D\u201c zwischen Bund und L\u00e4ndern zugestimmt. \u00dcber einen Zeitraum von f\u00fcnf Jahren sollen 5,5 Milliarden Euro in die digitale Ausstattung der allgemeinbildenden Schulen gegeben werden. NRW soll davon etwa eine Milliarde Euro erhalten, die Mittel k\u00f6nnen bis 2024 abgerufen werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Das bereits 2016 im Vorlauf zum Digitalpakt vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung ver\u00f6ffentlichte Konzept <a href=\"https:\/\/www.bmbf.de\/files\/Bildungsoffensive_fuer_die_digitale_Wissensgesellschaft.pdf\"> Bildungsoffensive f\u00fcr die digitale Wissensgesellschaft <\/a> ist ein nachlesenswertes Paradebeispiel f\u00fcr das Zusammenwirken des Dreiecks aus Wirtschaftsinteressen, Stiftungen und Politik &#8211; ein weltweit gebr\u00e4uchliches Muster zur Agendasetzung, Steuerung und Kommerzialisierung des Bildungswesens.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der medialen und politischen Offensive der IT-Wirtschaft, ihrer Lobbygruppen und ihrer h\u00f6rigen Politiker wurden die Mittel von den Schulen zun\u00e4chst nur z\u00f6gerlich beantragt. Die Covid19-Pandemie von 2020 hat mit dem bundes- und weltweiten wirtschaftlichen Lockdown und der tempor\u00e4ren Schlie\u00dfung aller Kitas, Schulen, Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen und die damit verbundene Alternative des digital gest\u00fctzten Home Office und Homeschooling diese Offensive befeuert. Allenthalben ist zu h\u00f6ren, dass Bildung und Bildungssystem nur durch die Digitalisierung zu retten sei. Hierf\u00fcr seien alle Mittel und Anstrengungen zu konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird \u00fcber\nalle Medien das Narrativ verbreitet: Privatisierung und Digitalisierung der\nBildung sind das zentrale Moment gesellschaftlicher, \u00f6konomischer und\nindividueller Entwicklung. Ohne dies kein Wachstum, keine Standortsicherung,\nkeine individuelle Existenzsicherung. Die empirische Forschung &#8211; und selbst die\nGutachter der OECD &#8211; kommen zu gegenteiligen Schl\u00fcssen: die dominante Nutzung\ndigitaler Medien in Schule und Unterricht wirkt sich \u00fcberwiegend negativ auf\nLernen und Lernerfolg aus<sup>1<\/sup>. Doch dies wird nicht zur Kenntnis\ngenommen und nicht in breiter \u00d6ffentlichkeit thematisiert. Stattdessen wird\ninsbesondere von Politikern das Anliegen einer \u00f6ffentlich finanzierten sowie\ndemokratisch und fachlich legitimierten Bildung pulverisiert und Digitalisierung\nzum vorrangigen Nutzen der IT-Wirtschaft kurzsichtig auf die technologische\nAufr\u00fcstung des Systems fokussiert und reduziert: Smartphones, Tablets und\nLaptops f\u00fcr alle, Netzausbau, Erh\u00f6hung der \u00dcbertragungsraten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Thinktanks\nder Wirtschaft verbinden dies lange vor der Pandemie weitsichtiger und\nvorausschauender &#8211; \u00fcber ihr Gesch\u00e4ft mit Hard- und Software sowie Nutzerdaten<sup>2<\/sup>\nhinaus &#8211; mit einer so subtilen wie radikalen Ver\u00e4nderung der Ziele von Bildung und\nder Modelle des (nicht nur schulischen) Lernens. Seit \u00fcber zwei Jahrzehnten\nwird eine langfristig ausgerichtete Agenda verfolgt, die auf eine lebenslange\nneoliberale Werte- und Kompetenzbildung von der Kita bis zur Hochschule und\nErwachsenenbildung zielt (DeSeCo<sup>3<\/sup> und PISA; P 21<sup>4<\/sup>). Der mittlerweile weltweit verbreitete\nKompetenzkanon beansprucht auf das Gemeinwohl und die individuelle\nPers\u00f6nlichkeitsentwicklung zu zielen, verk\u00fcrzt dies jedoch auf Sicherung des\nWirtschaftsstandortes, Erhalt und Steigerung des \u201eHumankapitals\u201c und\nEmployabilit\u00e4t der Individuen im Kontext der \u00d6konomisierung aller\nLebensbereiche. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben der\npolitischen und \u00f6konomischen Analyse der Interessen und Strategien dieser\nDigitalisierungs-Offensive &#8211; und exemplarisch des Digitalpakts und der\npandemiebedingten technologischen Aufr\u00fcstung &#8211; steht deshalb vor allem eine\nkritische Diskussion an: <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was verstehen wir unter \u201eBildung\u201c? Wie\nist die Forschungslage zu den Effekten digitaler Bildung in Schule und\nUnterricht?Mit welchen Zielen und\nwie soll Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung gestaltet werden? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn in Schulen, beruflicher Bildung, Universit\u00e4ten und Erwachsenenbildung nur vermittelt wird, wie man die neuen Medien sicher und effektiv nutzt, wird \u2013 neben den nicht eingel\u00f6sten Versprechen<sup>5<\/sup> des leichteren und gr\u00f6\u00dferen Lernerfolgs &#8211; das eigentliche Problem \u00fcbersehen: die strategische Demontage \u00f6ffentlich-demokratischer Bildungsziele und Infrastrukturen sowie die massive gesellschafts- und kulturver\u00e4ndernde Funktion von Computer, Digitalisierung und Internet &#8211; The Medium is the Message!<sup>6<\/sup> Derzeit werden mit der Nutzung vor allem solche Wertorientierungen, Verkehrsformen und Strukturen in den Institutionen und K\u00f6pfen etabliert, die demokratischem Denken widersprechen und das Potential haben, Demokratie zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht alleine\ndie Anwendungskompetenz muss im Zentrum der Bildung stehen, sondern die Frage,\nwie die neuen Medien unser Leben und unsere Weltwahrnehmung \u00e4ndern\u201c (Roberto\nSimanowski, Stumme Medien. 2018) &#8211; und wie wir damit umgehen k\u00f6nnen und wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen<\/p>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup> vgl. bspw. http:\/\/www.oecd.org\/publications\/students-computers-and-learning-9789264239555-en.htm<\/p>\n\n\n\n<p><sup>2<\/sup>\u201eEin digitalisiertes\nBildungssystem lebt von der Bereitschaft, pers\u00f6nliche Daten preiszugeben.\u201c &#8211; J\u00f6rg\nDr\u00e4ger, Bertelsmann. <\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; vgl. http:\/\/schulforum-berlin.de\/das-bildungsgeschaeft-der-bertelsmann-stiftung\/&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><sup>3<\/sup> vgl. <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/education\/skills-beyond-school\/definitionandselectionofcompetenciesdeseco.htm\">http:\/\/www.oecd.org\/education\/skills-beyond-school\/definitionandselectionofcompetenciesdeseco.htm<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><sup>4<\/sup> vgl.\nhttps:\/\/www.learning-theories.com\/21st-century-skills-p21-and-others.html<\/p>\n\n\n\n<p><sup>5<\/sup> \u201cHarvard f\u00fcr alle\u201c,\n\u201ePassend f\u00fcr jeden\u201c, \u201eQualit\u00e4t ohne Qual\u201c (Kapitel\u00fcberschriften bei J\u00f6rg\nDr\u00e4ger\/ Ralph M\u00fcller-Eiselt, Bertelsmann Stiftung, Die digitale\nBildungsrevolution. M\u00fcnchen 2015)<\/p>\n\n\n\n<p><sup>6<\/sup> Der Originaltitel von McLuhan\n(1967) lautet mehrdeutig: \u201cThe Medium is the Massage\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Empfehlungen <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>&#8230; zum\nersten Einh\u00f6ren <\/em><\/strong><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong> Vortrag: <\/strong>Ralf Lankau vom 24.11.2017, ca. 60 min, zum Thema <strong>\u201e\u00dcber die sogenannte \u201aDigitale Bildung\u2019 und den lernenden Menschen\u201c<\/strong>. Online unter URL: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7_i81a-UdQo\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7_i81a-UdQo<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>&#8230; zum\nEinlesen<\/em><\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>OECD-Studie<\/strong> (2015). <strong>Students, Computers and Learning<\/strong>.  (Foreword \/ Executive Summary, 16 f.). Online unter URL: <a href=\"https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/education\/students-computers-and-learning_9789264239555-en\">https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/education\/students-computers-and-learning_9789264239555-en<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>*<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wem die Lekt\u00fcre allein nicht ausreicht: <\/em><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Freundliche Einladung zum\nMitdenken, zur Diskussion und Mitarbeit im AK:BE!<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Arbeitskreis Bildung und Erziehung (AK:BE) von attac K\u00f6ln trifft sich jeden 2. und 4. Mittwoch* um 20\u00b0\u00b0 h in der Alten Feuerwache K\u00f6ln, Melchiorstr. 3 im Raum 5 des Steigeturms<\/p>\n\n\n\n<p>*au\u00dfer in den Schulferien<\/p>\n\n\n\n<p>Kontakt: Oswald Pannes &#8211; <a href=\"mailto:OswaldPannes@gmx.de\">OswaldPannes@gmx.de<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>Dr. J\u00fcrgen M\u00fcnch &#8211; <a href=\"mailto:jmuenchkoeln@t-online.de\">jmuenchkoeln@t-online.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIGITALISIERUNG FIRST \u2013 DENKEN SECOND? ZU POLITIK, \u00d6KONOMIE UND ZIELEN DER DIGITALISIERUNG IM BILDUNGSWESENS Etwa seit 2015 wird die technologische und ideologische Ausrichtung und Aufr\u00fcstung des Bildungswesens auf eine durchgehende Digitalisierung auch in Deutschland forciert vorangetrieben. 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