(1) Digitalisierung first – Denken second? Positionspapier

DIGITALISIERUNG FIRST – DENKEN SECOND?

ZU POLITIK, ÖKONOMIE UND ZIELEN DER DIGITALISIERUNG IM BILDUNGSWESENS

Etwa seit 2015 wird die technologische und ideologische Ausrichtung und Aufrüstung des Bildungswesens auf eine durchgehende Digitalisierung auch in Deutschland forciert vorangetrieben.

Im März 2019 hat der Bundesrat dem „Digitalpakt # D“ zwischen Bund und Ländern zugestimmt. Über einen Zeitraum von fünf Jahren sollen 5,5 Milliarden Euro in die digitale Ausstattung der allgemeinbildenden Schulen gegeben werden. NRW soll davon etwa eine Milliarde Euro erhalten, die Mittel können bis 2024 abgerufen werden.

Das bereits 2016 im Vorlauf zum Digitalpakt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung veröffentlichte Konzept Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft ist ein nachlesenswertes Paradebeispiel für das Zusammenwirken des Dreiecks aus Wirtschaftsinteressen, Stiftungen und Politik – ein weltweit gebräuchliches Muster zur Agendasetzung, Steuerung und Kommerzialisierung des Bildungswesens.

Trotz der medialen und politischen Offensive der IT-Wirtschaft, ihrer Lobbygruppen und ihrer hörigen Politiker wurden die Mittel von den Schulen zunächst nur zögerlich beantragt. Die Covid19-Pandemie von 2020 hat mit dem bundes- und weltweiten wirtschaftlichen Lockdown und der temporären Schließung aller Kitas, Schulen, Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen und die damit verbundene Alternative des digital gestützten Home Office und Homeschooling diese Offensive befeuert. Allenthalben ist zu hören, dass Bildung und Bildungssystem nur durch die Digitalisierung zu retten sei. Hierfür seien alle Mittel und Anstrengungen zu konzentrieren.

Es wird über alle Medien das Narrativ verbreitet: Privatisierung und Digitalisierung der Bildung sind das zentrale Moment gesellschaftlicher, ökonomischer und individueller Entwicklung. Ohne dies kein Wachstum, keine Standortsicherung, keine individuelle Existenzsicherung. Die empirische Forschung – und selbst die Gutachter der OECD – kommen zu gegenteiligen Schlüssen: die dominante Nutzung digitaler Medien in Schule und Unterricht wirkt sich überwiegend negativ auf Lernen und Lernerfolg aus1. Doch dies wird nicht zur Kenntnis genommen und nicht in breiter Öffentlichkeit thematisiert. Stattdessen wird insbesondere von Politikern das Anliegen einer öffentlich finanzierten sowie demokratisch und fachlich legitimierten Bildung pulverisiert und Digitalisierung zum vorrangigen Nutzen der IT-Wirtschaft kurzsichtig auf die technologische Aufrüstung des Systems fokussiert und reduziert: Smartphones, Tablets und Laptops für alle, Netzausbau, Erhöhung der Übertragungsraten.

Die Thinktanks der Wirtschaft verbinden dies lange vor der Pandemie weitsichtiger und vorausschauender – über ihr Geschäft mit Hard- und Software sowie Nutzerdaten2 hinaus – mit einer so subtilen wie radikalen Veränderung der Ziele von Bildung und der Modelle des (nicht nur schulischen) Lernens. Seit über zwei Jahrzehnten wird eine langfristig ausgerichtete Agenda verfolgt, die auf eine lebenslange neoliberale Werte- und Kompetenzbildung von der Kita bis zur Hochschule und Erwachsenenbildung zielt (DeSeCo3 und PISA; P 214). Der mittlerweile weltweit verbreitete Kompetenzkanon beansprucht auf das Gemeinwohl und die individuelle Persönlichkeitsentwicklung zu zielen, verkürzt dies jedoch auf Sicherung des Wirtschaftsstandortes, Erhalt und Steigerung des „Humankapitals“ und Employabilität der Individuen im Kontext der Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Neben der politischen und ökonomischen Analyse der Interessen und Strategien dieser Digitalisierungs-Offensive – und exemplarisch des Digitalpakts und der pandemiebedingten technologischen Aufrüstung – steht deshalb vor allem eine kritische Diskussion an:

Was verstehen wir unter „Bildung“? Wie ist die Forschungslage zu den Effekten digitaler Bildung in Schule und Unterricht?Mit welchen Zielen und wie soll Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung gestaltet werden?

Wenn in Schulen, beruflicher Bildung, Universitäten und Erwachsenenbildung nur vermittelt wird, wie man die neuen Medien sicher und effektiv nutzt, wird – neben den nicht eingelösten Versprechen5 des leichteren und größeren Lernerfolgs – das eigentliche Problem übersehen: die strategische Demontage öffentlich-demokratischer Bildungsziele und Infrastrukturen sowie die massive gesellschafts- und kulturverändernde Funktion von Computer, Digitalisierung und Internet – The Medium is the Message!6 Derzeit werden mit der Nutzung vor allem solche Wertorientierungen, Verkehrsformen und Strukturen in den Institutionen und Köpfen etabliert, die demokratischem Denken widersprechen und das Potential haben, Demokratie zu zerstören.

„Nicht alleine die Anwendungskompetenz muss im Zentrum der Bildung stehen, sondern die Frage, wie die neuen Medien unser Leben und unsere Weltwahrnehmung ändern“ (Roberto Simanowski, Stumme Medien. 2018) – und wie wir damit umgehen können und wollen.

Quellen

1 vgl. bspw. http://www.oecd.org/publications/students-computers-and-learning-9789264239555-en.htm

2„Ein digitalisiertes Bildungssystem lebt von der Bereitschaft, persönliche Daten preiszugeben.“ – Jörg Dräger, Bertelsmann.

  vgl. http://schulforum-berlin.de/das-bildungsgeschaeft-der-bertelsmann-stiftung/  

3 vgl. http://www.oecd.org/education/skills-beyond-school/definitionandselectionofcompetenciesdeseco.htm

4 vgl. https://www.learning-theories.com/21st-century-skills-p21-and-others.html

5 “Harvard für alle“, „Passend für jeden“, „Qualität ohne Qual“ (Kapitelüberschriften bei Jörg Dräger/ Ralph Müller-Eiselt, Bertelsmann Stiftung, Die digitale Bildungsrevolution. München 2015)

6 Der Originaltitel von McLuhan (1967) lautet mehrdeutig: “The Medium is the Massage“.

Empfehlungen

… zum ersten Einhören

Vortrag: Ralf Lankau vom 24.11.2017, ca. 60 min, zum Thema „Über die sogenannte ‚Digitale Bildung’ und den lernenden Menschen“. Online unter URL: https://www.youtube.com/watch?v=7_i81a-UdQo.

… zum Einlesen

OECD-Studie (2015). Students, Computers and Learning. (Foreword / Executive Summary, 16 f.). Online unter URL: https://www.oecd-ilibrary.org/education/students-computers-and-learning_9789264239555-en

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Wem die Lektüre allein nicht ausreicht:

Freundliche Einladung zum Mitdenken, zur Diskussion und Mitarbeit im AK:BE!

Der Arbeitskreis Bildung und Erziehung (AK:BE) von attac Köln trifft sich jeden 2. und 4. Mittwoch* um 20°° h in der Alten Feuerwache Köln, Melchiorstr. 3 im Raum 5 des Steigeturms

*außer in den Schulferien; bis auf Weiteres: Virtuelle Treffen

Kontakt: Oswald Pannes – OswaldPannes@gmx.de

Dr. Jürgen Münch – jmuenchkoeln@t-online.de