Bildungsverständnis

Was ist Bildung? Was ist Erziehung?

In der neoliberal gesteuerten Transformation vom Sozialstaat zum Wettbewerbsstaat ist der Bildungsbereich seit den 1960ern, verstärkt seit den 1990ern Jahren international als ökonomisch sehr profitables und vor allem auch für die Meinungsbildung relevantes Politik- und Geschäftsfeld von einem „bildungsindustriellen Komplex“ besetzt worden (Internationale Organisationen, bspw. OECD, Thinktanks, Stiftungen, bspw. Bertelsmann, Lobbygruppen, Beratungs- und Testentwicklungsunternehmen, etc.). Der damit verbundene grundlegende kulturelle und strukturelle Wandel wird vorrangig von einer ökonomischen Logik bestimmt. Bildung und Wissenschaft werden zum einen als zentraler Wachstumsfaktor zur Sicherung der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit und der Standortsicherung instrumentalisiert, zum anderen zur Legitimation einer meritokratischen Ideologie bzw. einer „Leistungs“gesellschaft, in der jeder entsprechend seiner individuellen Leistungsbereitschaft und entsprechenden Verdiensten (Meriten) belohnt oder abgestraft wird. Soziale Ungleichheit und Hierarchien werden damit gerechtfertigt, dass „Reiche und Mächtige, ihren Reichtum und ihre gesellschaftliche Position durch ihre Tüchtigkeit verdient (haben), und aus gleichem Grund sind die Armen zu Recht arm“ (Rainer Mausfeld. Angst und Macht. Ffm 2019, S.34). Analog dazu haben „Bildungsverlierer“ ihre Chance in einem grundsätzlich „chancengerechten“ System nicht genutzt und sich dies selbst zuzuschreiben. Diese Deutung gesellschaftlicher Ungleichheit und neoliberaler Politik hat die Funktion, die Dinge so wie sie sind, zu rechtfertigen und die Selektionsmechanismen mit ihren politischen und ökonomischen Ursachen zu verschleiern. Diese „Philosophie“ ist unterschwellig in das gesamte Bildungssystem eingeschrieben. Sie ist deshalb so mächtig, weil sie „oben“ wie „unten“ zutiefst verinnerlicht ist (vgl. Pierre Bourdieu. Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz 2004, S.63).

Die Privatisierung öffentlicher Aufgaben und Enteignung öffentlicher Infrastruktur und Kapitals wie die meritokratische Ideologisierung gehen einher mit der Enteignung und Umdeutung zentraler Begriffe. Resümierend kann festgehalten werden, „… dass die  Durchsetzung der neoliberalen Reformen,  … ohne Rücksicht auf die sozialen Folgen die Verwertungsbedingungen des Kapitals verbessert und dabei stillschweigend die Semantik des Ausdrucks ‚Reform’ auf den Kopf gestellt haben.“ (Jürgen Habermas. Demokratie oder Kapitalismus? Vom Elend der nationalstaatlichen Fragmentierung einer kapitalistisch integrierten Weltgesellschaft. In ders. Im Sog der Technokratie, Berlin 2013, S.139). Letzteres gilt insbesondere auch für den Bildungsbereich und erfordert eine Diskussion und Klärung der erziehungswissenschaftlichen und bildungspolitischen Leitbegriffe „Bildung“ und „Erziehung“.

 

Was ist Bildung? Was ist Erziehung? Zu fragen ist, welche Bildung gemeint ist und auf welchen Wegen sie realisiert werden kann. Die Antworten auf diese Fragen fallen je nach Interessenlage und dem korrespondierenden ökonomischen und normativen Hintergrund unterschiedlich aus, sind jedoch, auch wenn anders behauptet, in keinem Fall neutral. Dies gilt insbesondere auch für den von neoliberaler Seite favorisierten und in die Diskussion als alternativer Leitbegriff eingeführten Begriff der Kompetenz.

Die nachstehenden Texte spiegeln das Verständnis des Arbeitskreises Bildung und Erziehung (AK:BE) bei attac Köln von diesen grundlegenden Begriffen.

Die Texte bieten in Perspektive und Umfang unterschiedliche Zugangsweisen. Sofern die Texte online verfügbar sind, ist nur der Link, nicht der Volltext aufgeführt. Kurze Info zu den Texten hier.

 (1) Peter Bieri. Bildung beginnt mit Neugierde (2005)

(2) Jürgen Münch. Was ist Bildung? Was ist Erziehung? (2020)

(3) Beschlüsse der Kultusministerkonferenz (2018).  a.Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule und b. Menschenrechtsbildung in der Schule

(4) Jürgen Münch. Stichworte zum Bildungsverständnis bei Wolfgang Klafki (2019)

(5) Thomas Höhne. Mehrwert Bildung? Studie zur Ökonomisierung im Bildungsbereich (2019)

(6) Richard Münch. Der bildungsindustrielle Komplex. Schule und Unterricht im Wettbewerbsstaat. Weinheim Basel: Beltz Juventa (2018)

 

 

 

 

 

 

 

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